Timo Heuer

March 30, 2014 11:43 am

Der Kanadier ist ein Schnarcher. Dafür hat er sich am Abend schon entschuldigt und ich war vorbereitet. Mit Oropax – bis zum Trommelfell in die Ohrmuschel gesteckt – halte ich es allerdings aus.

Das Wetter heute ist nicht so gut wie die Tage zuvor, es ist grau und Regen kündigt sich an.

Ich gehe zum Hafen, hier liegen die Boote der FjordSafari, mit einem von ihnen fahre ich gleich über den Sognefjord. Dass ich für den falschen Tag gebucht habe – was erst dem Mann an den Booten auffällt – ist nicht weiter von Belang. Glück gehabt!

Wir müssen uns riesige gelbe Ganzkörperanzüge anziehen, doch diese halten warm und trocken. Auch Handschuhe, Mützen und Schutzbrillen werden ausgegeben.

12 Mann haben auf einem Boot Platz. In rasanten Tempo schießen wir an Klippen, Wasserfällen und kleinen, an den Berghang gebauten Häusern vorbei.

Ab und an halten wir. Eine blonde Norwegerin bringt lokale Geschichte näher. Sie erzählt von einem Dorf, das erst eine Kirche bekam, als einige Dorfbewohner bei der Fahrt über den Fjord zur nächstgelegenen Kirche von herabfallenden Steinen erschlagen worden. Oder vom alten Postsystem, bei dem jeder Bauer die Pflicht hatte, die Post zum nächstgelegenen Hof zu bringen und ein findiger Bauer, der einen besonders langen Weg übers Wasser zurückzulegen hatte, eigens einen Weg aufschüttete.

Ich bemerke langsam, dass Norwegen nicht ›ein bisschen wie Schweden‹ ist, sondern seine eigene Landschaft und Kultur besitzt. Die Menschen sind rauer und nicht-ganz-so-blond. Die Landschaft ist bergiger (offensichtlich), mehr geprägt von gewaltigen Naturkräften, die hier einst wüteten. Und natürlich von Fels, Gebirge und Stein. Und Bäumen und Büschen, die aller Schwerkraft zum Trotz hier an den Hängen gedeihen.

Zurück in Flåm gehe ich zum Supermarkt und kaufe mir Nudeln und Fertigtomatensauce, die ich mir im Hostel ›koche‹.

Mit zwei Dosen regionalem Bier setze ich mich in mein Zimmer. Der Kanadier kommt dazu und macht sich ein Tuborg auf. Wir kommen ins Gespräch.

Sein Name ist Matt. Aus Vancouver. Sein Akzent ist überdurchschnittlich einfach zu verstehen. Wir unterhalten uns gut.

Matts Catchphrase ist »Sorry, I have to pee«, den er ein Mal pro Stunde sagt. Wenn er trinkt, wird es schlimmer, warnt er vor.

Er schlägt vor, in den lokalen Pub zu gehen, der zur Ægir Brauerei gehört. Über die korrekte Aussprache wundern nicht nur wir uns, sondern auch die zwei Mitarbeiter hinter der Bar, deren Entschuldigung ist, dass sie ursprünglich aus Irland bzw. Polen stammen.

Ich trinke dort ein IPA, Witbier und das Porter, das ich bereits mit Julie in Oslo getrunken hatte.

Das Witbier ist das beste Weizen, das ich bisher getrunken habe. Wie viel Craft Beer man doch in ein kleines Bierglas (die übrigens speziell für die Brauerei hergestellt wurden) stecken kann?

Wir sprechen von der bevorstehenden Wahl in Deutschland. Er fragt mich nach Angela Merkels Partei. Ich sage, die seien mir zu konservativ. Ich solle doch genauer werden. Na, zum Beispiel, dass sie Familie immer noch als Mann und Frau betrachten und deshalb Adoptionen durch schwulesbische Paare kritisch gegenüberstehen.

»Oh. I am gay.«, sagt er. »But my mom is very Catholic and if she knew, she'd wish me to hell.« Ich stocke bei ›If she knew‹.

Es stellt sich heraus, dass seine Eltern die einzigen sind, die nichts von seiner Sexualität wissen.

Wir trinken weiter.

Gegen Mitternacht gehen wir zurück ins Hostel, sichtlich angeheitert.

Was Schnarchen angeht, ist Matt echt etwas Besonderes. Ich befürchte, dass sieht neben mir auch das gesamte Flåmtal so in dieser Nacht.